Promovieren mit chronischer Krankheit

Vignette des [schreibzentrum.berlin] zu Montags-#Schreibtipps rund ums wissenschaftliche Schreiben zeigt einen Doktorhut auf einem BücherstapelFrage: Ich möchte unbedingt meine Promotion beenden. Leider kommt mir meine chronische Krankheit in die Quere. Sie ist unberechenbar. Ich versuche zwar, auch an Wochenenden zu arbeiten, um meinen Rückstand aufzuholen. Doch da hat sich ein ‚großer Berg‘ aufgebaut. Wie komme ich weiter?

Antwort: Vielen Dank für Ihre Offenheit! Ich nehme den großen Druck wahr, den Sie gerade erleben. Zugleich kümmern Sie sich bereits um eine Lösung, indem Sie sich Hilfe suchen.

Leider gibt es kaum Zahlen und Erkenntnisse darüber, wie viele Promovierende sich gesundheitlich und / oder psychisch in einer ähnlichen Lage wie Sie befinden. Aber vielleicht entlastet es Sie zu erfahren, dass Schätzungen zufolge mindestens 7 Prozent aller Promovierenden mit chronischen Krankheiten zu kämpfen haben.

Die inklusive Promotion ist leider noch keine Selbstverständlichkeit.

Zu Recht rückt die Gesundheit von Promovierenden zunehmend in den Blick. Beispielsweise finanziert die EU seit 2021 das Aktionsprogramm „Researcher Mental Health Observatory“ (ReMo). Und in Deutschland hat sich ganz besonders der Lehrstuhl für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität zu Köln mit dem Förderprogramm „PROMI – Promotion inklusive“ um das Thema verdient gemacht. PROMI hat 2022 auch Broschüren jeweils für Promovierende und für Betreuende herausgebracht. Natürlich muss noch viel mehr getan werden. Die akademische Welt ist leider noch wenig inklusiv.

Der akademische Leistungs- und Zeitdruck ist oft kontraproduktiv.

Die Betroffenen schildern, dass sie meistens schlicht mehr Zeit brauchen:

  • weil sie krankheitsbedingt ausfallen (können) und / oder Zeiten für ihre Regeneration benötigen
  • weil sie durch Medikamente schneller müde werden oder sich nicht so lange konzentrieren können
  • weil sie psychisch / körperlich so eingeschränkt sind, dass tägliche Abläufe länger dauern als bei ihren Peers ohne gesundheitliche / körperliche Einschränkungen
  • weil sie Zeit darauf verwenden müssen, sich Hilfe zu organisieren / zu beantragen und – bei Ablehnung – dennoch durchzufechten.
  • weil sie mit teilweise zermürbenden Vorurteilen von Peers und Betreuenden, aber auch beim Verwaltungspersonal im akademischen Umfeld kämpfen und dort viel Energie verbrauchen.

Ihre Bedürfnisse prallen auf prekäre Arbeitsbedingungen im Wissenschaftssystem, in dem zudem oft unrealistische Vorstellungen über das wissenschaftliche Schreiben verbreitet sind. Belastete Promovierende sind daher überdurchschnittlich gefährdet, Erschöpfung bis hin zum Burnout zu erleben.

Das Schreiben während des Promotionsprozesses ist auch ein körperlicher und psychischer Kraftakt. Damit Sie Ihre Energien auf Ihre Abschlussphase lenken können, schlage ich daher vor, Ihren Blick konsequent auf Ihre Ressourcen zu lenken:

1. Würdigen, was da ist

  • Promotion & Gesundheit: Wie geht es Ihnen gerade körperlich? Wie schätzen Sie Ihre Kräfte ein? Wie viel Zeit benötigen Sie für Pausen, Regeneration und Pflege?
  • Arbeitssituation: Welche Arbeitszeiten können/möchten Sie umsetzen? Welche finanziellen Ressourcen, persönlichen Unterstützungen und Rechtsansprüche auf Hilfen stehen Ihnen zur Verfügung? Gibt es für Ihre einzureichenden Texte eine Deadline?
  • Stand der Forschungs- und Schreibarbeit: Was konnten Sie bereits erledigen, abschließen? Wie lautet die nächste Aufgabe?

2. Klären, was Sie ausbauen können:

  • Betreuung: Weiß Ihre Betreuung von Ihrer Situation? Welche Absprachen konnten Sie bisher treffen bzw. sind möglich? Besteht die Möglichkeit, Schreibcoaching als zusätzliche oder alternative Unterstützung in Anspruch zu nehmen?
  • Peer-Groups: Tauschen Sie sich mit ähnlich Betroffenen im akademischen Umfeld aus? Solche Netzwerke können Motivationstiefs auffangen, bei Bedarf auch online und / oder an anderen Universitätsstandorten.
  • Erweiterung der persönlichen Schreibstrategien: Haben Sie Schreibgruppen oder Schreibtandems ausprobiert? Sie sind ein gutes Gegengewicht gegen das einsame Schreiben. Können Sie Ihre persönlichen Schreibstrategien in Schreibcoachings gezielt ausbauen?

Das wissenschaftliche Schreiben ist immer ein sehr individueller Vorgang. Finden Sie heraus, was Ihnen guttut. Es könnte sein, dass Ihre Krankheit dabei gar nicht das Problem ist, sondern der ,Knackpunkt‘ ganz woanders liegt.

Viel Erfolg wünscht Ihnen aus dem [schreibzentrum.berlin] Ihre
Dr. Daniela Liebscher


Mehr Informationen:

E. Liebscher