Frage: Ich bin sooo langsam beim Schreiben. Ich schreibe einen Absatz, lese ihn durch, finde ihn nicht gut genug – und fange von vorne an. Oder ich feile ewig an einer Formulierung, weil sie irgendwie noch nicht fertig ist. Bei anderen klingt es sowieso immer besser als bei mir. Wie komme ich da raus?
Antwort: Das kennen viele Promovierende. Die Erwartung, sofort die richtigen Worte zu finden und einen „perfekten“ Text zu produzieren, ist oft hoch. Dabei liegt es häufig nicht daran, dass die Schreibkompetenzen fehlen, sondern an den Ansprüchen an uns selbst – und manchmal an unproduktiven Schreibstrategien. Was hilft?
Unfairer Vergleich mit publizierten Texten
Zunächst sollten Sie sich vergegenwärtigen, dass alle wissenschaftlichen Texte, die wir lesen, das Produkt mehrfacher Feedbackschleifen und Überarbeitungen sind. Es ist sich selbst gegenüber unfair, den eigenen unfertigen Text mit denen zu vergleichen, die andere Wissenschaftler*innen publiziert haben: Wir kennen ja die entsprechende erste Entwurfsversion nicht.
Die zwei Mindsets beim Schreiben
Ein weiterer Grund für das unaufhörliche Verbessern liegt oft daran, wie wir das Schreiben angehen. Zur gleichen Zeit eine Argumentation zu entwickeln und diese dabei beständig zu überarbeiten, ist unproduktiv. Vom Anglistikprofessor und Pionier der Schreibdidaktik, Peter Elbow, stammt die Idee, dass es zwei „Mindsets“ oder Denkbewegungen für das Schreiben braucht: Zuerst eine „yea-saying mentality“. In dieser nimmt man eine Haltung von ‚alles ist erlaubt‘ ein: Der Fokus ist darauf ausgerichtet, möglichst viele Wörter zu produzieren und Gedanken niederzuschreiben, sie ist kreativ und assoziativ. Als zweites braucht es eine kontrollierende „nay-saying mentality“, die kürzt, kritisiert und überarbeitet. Es ist wichtig, die beiden Haltungen und die damit verbundenen Tätigkeiten zu trennen. Ideen sammeln, Gedanken formulieren, Konzepte entwerfen sollte klar getrennt werden vom Sortieren und Kontrollieren, etwa beim Strukturieren des Textes, der Überprüfung von Inhalten und generell dem Überarbeiten.
Erst die Rohfassung, dann die Korrektur
Daneben ist es zentral, echte Rohfassungen zu schreiben. Elbow berichtet, schreibt, dass er die Schreibblockaden während seiner Promotion erst ablegen konnte, nachdem er sich erlaubt hat, „Müll“ zu schreiben und diese schlechten ersten Entwürfe später zu überarbeiten. Dabei hilft die Methode des „Freewriting“, die in diesem Beitrag erklärt wird.
Fazit: Es ist notwendig, erst mal schlecht zu schreiben, damit es besser werden kann. Wenn Sie das beherzigen, kommen Sie garantiert beim Schreiben voran.
Viel Erfolg wünscht Ihnen aus dem [schreibzentrum.berlin]
Ihre
Dr. Andrea Adams
Literatur: Peter Elbow: Everyone can write. Essays towards a hopeful theory of writing and teaching writing. New York, 2000.