Verschiedene europäische Hochschulorganisationen und Promovierendennetzwerke rufen in diesem Jahr erstmals zum „Tag der europäischen Promotion“ am 13. Mai auf. Damit wollen sie an die Bedeutung der Promotion und Promovierten für die EU und für die Forschung allgemein hinweisen und zur Promotion in der EU einladen. Der Tag soll auch für eine gute Promotionsbetreuung werben. Ich möchte die Gelegenheit nutzen und den Campusroman der amerikanisch-chinesischen Schriftstellerin Rebecca Kuang vorstellen, weil ich ihn als kluges und unterhaltsames Gleichnis auf die dunklen Seiten des Wissenschaftsbetriebs lese.
„Katabasis“ von Rebecca F. Kuang ist ein Campusroman mit Fantasyelementen und gehört damit zu dem gerade populären „Dark Academy“-Genre. Im Roman steigt die Protagonistin Alice Hall in die Unterwelt hinab, um ihren Doktorvater Jakob Grimes wieder in die Welt der Lebenden zu bringen. Ihr Mitdoktorand in Cambridge, Peter, der zugleich ihr schärfster Konkurrent um die Gunst ihres Betreuers ist, begleitet sie auf der Suche. Im Laufe des Buches wird deutlich, dass Professor Grimes nahezu jede Form schlechter Betreuung und akademischen Machtmissbrauchs verkörpert. Obwohl beide dies erkennen, sind sie überzeugt, nur mit ihm ihre Promotion abschließen und eine Zukunft in der Wissenschaft haben zu können.
Die Unterwelt als Spiegel der Wissenschaft
Die Unterwelt erscheint in „Katabasis“ als Spiegelbild der akademischen Welt, die Alice und Peter gerade verlassen haben. Kuang beschreibt die Hölle als Campuslandschaft, deren Architektur deutlich an Cambridge erinnert, und auch die Prüfungen, die die Toten durchzustehen haben, ähneln denen der akademischen Welt. Gleichzeitig zeigt das Buch, wie sehr Alices und Peters akademische Realität in der Oberwelt bereits zur Hölle geworden ist. Ausufernde Arbeitszeiten, wenig Wertschätzung und vom Betreuer bewusst geschürte Konkurrenz prägen Alices und Peters akademischen Alltag. Kuang zeigt, wie in einem solchen Umfeld auch gravierende Formen des Machtmissbrauchs wie Ideenklau und sexuelle Übergriffe möglich werden.
Promovieren als Fantasie und Realität
Zwar ist „Katabasis“ ist ein Fantasy-Roman, aber das geschilderte Bild der akademischen Welt ist nicht fern der Realität. Das mag auch daran liegen mag, dass Kuang in Cambridge studiert hat und derzeit an ihrer Promotion sitzt. Vieles davon dürfte Promovierenden – und denen, die mit ihnen arbeiten – bekannt vorkommen. Was den Roman lesenswert macht: Er zeigt, wie selbstverständlich Machtmissbrauch in der Wissenschaft werden kann und warum Menschen in Verhältnissen bleiben, die ihnen nicht guttun. Alice verherrlicht ihre missbräuchliche Promotionssituation sogar als besonders harte akademische Prüfung, in der sie sich beweisen will. Manche Passagen im Buch sind zwar etwas langatmig, trotzdem hatte ich großen Spaß an dem Gleichnis von der akademischen Hölle, welches Kuang in vielen Details ausbuchstabiert.
Dark Academia wörtlich genommen
Rebecca F. Kuang schreibt mit „Katabasis“ einen Dark-Academia-Roman im eigentlichen Sinne des Wortes: Sie macht die dunklen Seiten der Wissenschaft zur eigentlichen Handlung. Das Ende ist recht versöhnlich geraten, indem Alice aus ihrer Reise in die Unterwelt lernt, ihre Prioritäten in der wirklichen Welt zu überdenken. Auch wenn mich der Schluss nicht restlos überzeugt hat, ist der Roman eine originelle und lesenswerte Form literarischer Wissenschaftskritik.
Viel Spaß beim Lesen wünscht aus dem Schreibzentrum
Dr. Andrea Adams