Frage: In meinem Forschungskolloquium müssen wir Promovierende regelmäßig Textpassagen einreichen. Diese werden dann von allen Teilnehmenden kommentiert. Es gibt viele gute Tipps, aber auch Vieles, mit dem ich nichts anfangen kann. Das stresst mich. Wie gehe ich damit um?
Antwort: Ein Forschungskolloquium gehört zu den Standards der Promovierendenbetreuung in der deutschen Academia. Die Idee dahinter ist gut: Sie erhalten in einem kleinen Rahmen Gelegenheit, Ihre Rolle als Forschende_r einzuüben, also vorzutragen, Ihre fachlichen Thesen zu verteidigen sowie eigene Textentwürfe zu teilen und fremde zu kommentieren.
Seltsamerweise wird Textfeedback in Kolloquien immer wieder unreflektiert ,geübt‘. Wenn Sie verwirrt oder sogar blockiert das Kolloquium verlassen, ist vermutlich bei der Art des Textfeedbacks etwas schiefgelaufen. In Ihrem konkreten Fall durften beispielsweise „alle“ kommentieren; dabei scheint auch ,alles Mögliche‘ erlaubt gewesen zu sein, das Sie nun zu Recht verwirrt. „Alle“ suggeriert zudem die Gleichwertigkeit der Teilnehmenden. Es macht aber bereits aus gruppendynamischen Gründen und erst recht in einem status- und konkurrenzgeprägten Umfeld wie der Academia einen Unterschied, wer in solchen Runden welchen Hinweis gibt. Das Feedback Ihrer Betreuungsperson dürfte – unabhängig vom Inhalt – für Sie schwerer wiegen als die Rückmeldung der jüngsten Person in der Runde, einfach, weil Ihr_e Professor_in am Ende Ihre Dissertation ja bewerten wird.
So können Sie Textfeedback in einem Kolloquium mitsteuern
- Geben Sie dem Kolloquium Ihre Feedbackwünsche schriftlich. Diese können auch lauten: „Welche Textstellen gefallen euch besonders gut?“ Oder stellen Sie nach Ihrer mündlichen Textpräsentation konkrete Fragen an die Runde.
- Organisieren Sie mit gleichgesinnten Kolloquiumsmitgliedern eigene Feedbackrunden. Üben Sie unterschiedliche Feedbackmethoden, mal mündlich nach einer Lesung, mal schriftlich in Form eines „Review“. Das schult ungemein, die Stärken eines Textes in einem Entwurfsstadium hervorzuholen! Feedbackmethoden finden Sie in vielen Ratgebern über Schreibgruppen, zum Beispiel hier.
- Schlagen Sie Ihrem Kolloquium ein „Experiment“ vor, zum Beispiel das Friendly Feedback aus dem writer’s studio (Judith Wolfsberger, Wien).
So können Sie mit unklarem oder unpassendem Textfeedback umgehen
- Beobachten Sie die Gruppendynamik. In Kolloquien kommen manchmal Beiträge, die weniger Ihnen als schreibender Person gelten. Vielmehr möchten Feedbackgebende der_dem Professor_in zeigen, wie kompetent sie sind.
- Bitten Sie immer um konkrete Textstellen und Änderungsvorschläge. Textfeedback sollte eng am Text geschehen.
- Machen Sie sich klar, dass letztlich Sie als Autor_in über Ihren Text bestimmen. Sie dürfen inhaltliche, methodische oder aufwändige Anregungen ablehnen, die Sie nicht vertreten können.
Sorgen Sie auch jenseits des Kolloquiums für wohlwollende Lesende, deren Rückmeldungen Sie voranbringen. Sie können sich auch an Schreibcoaches als geschulte Externe wenden. Sorgfältiges, gutes Textfeedback erkennen Sie jedenfalls daran, dass es Sie zum Weitermachen motiviert.
Viel Freude beim Ausprobieren wünscht Ihnen
Ihre
Dr. Daniela Liebscher