Was Promovieren mit psychischer Gesundheit zu tun hat

Frage: „Was hättest du gerne früher übers Promovieren gewusst?“ Für ihre Podcast-Reihe hat meine Kollegin Jutta Wergen auch mich nach den wichtigsten Erfahrungen gefragt.

Antwort: Ich dachte anfangs, dass man in ,der Wissenschaft‘ sachorientiert arbeite. Dann musste ich lernen, dass Emotionen im Wissenschaftsbetrieb als etwas Störendes gelten und weggedrückt werden. Sie machen sich dann umso stärker tatsächlich als ,Störungen‘ bemerkbar, wo es um das Zwischenmenschliche und den Arbeitsalltag geht. Ich hätte daher gerne früher gewusst, wie emotional es beim Promovieren zugehen kann.

Ich nenne drei Felder, in denen ich als Doktorandin mühsam lernen musste, eine gesunde Balance zwischen Intellekt, Körper und Psyche zu entwickeln und emotional intelligent zu promovieren:

1. Betreuung:

Doktorvater, Doktormutter, Doktoreltern – schon die deutsche Wortwahl deutet persönliche Beziehungsmuster an, die auf beiden Seiten angetriggert werden können. Es geht oft um unreflektierte wechselseitige hohe Erwartungen und Enttäuschungen bis hin zu Kränkungen, um Versagens- und Verlassenheitsängste.

Hier helfen Rollen- und Beziehungsklärung, für das eigene Wohlergehen einzutreten und dafür, wenn es sein muss, sich eventuell ein anderes Betreuungssetting zu suchen.

2. Körper & Psyche:

Ich musste während meiner Promotion eine Therapie machen. Nach und nach erfuhr ich in meinem Umfeld von anderen Promovierenden, die an Depressionen erkrankt, ebenfalls in Therapie waren oder sogar nur dank Psychopharmaka weitermachen konnten. An diesem Phänomen hat sich bis heute leider nichts geändert.

Allerdings diskutieren Promovierende neuerdings öffentlich über psychische Gesundheit. Denn Promovieren bedeutet Stress durch prekäre Lebens- und Arbeitsbedingungen und hohen Leistungsdruck. Trotzdem gelten lange Arbeitszeiten ohne Erholung weiterhin als ,Brennen für die Wissenschaft‘. Wer Erholung sucht oder ausgebrannt ist, gilt schnell als ,wissenschaftlich unfähig‘. Doch es nützt keiner Promotion, sich bis zur Erkrankung selbst auszubeuten.

3. Schwangerschaft und Mutterschaft:

Schwangerschaft und Mutterschaft lösen im akademischen Umfeld mitunter heftige Abwehr-Reaktionen aus. Eine davon ist, beides einfach zu ignorieren oder zu verschweigen. Das kann man unter Corona-Bedingungen bestens beobachten. Die Verzweiflung und die Wut von promovierenden (werdenden) Müttern, auf ihr Geschlecht zurückgeworfen zu sein, sind häufig Thema in meinen Coachings. Kinder und Familie werden in der akademischen Welt als ,Frauensache‘ behandelt – und das spüren Frauen als zusätzliche Belastung.

Sorgen Sie also gut für Ihren Körper und Ihre Seele. Sie brauchen beides für Ihre geistige Arbeit. Glauben Sie Ihrer Intuition und körperlichen Signalen, nicht den Mythen über das Dauerbrennen als ,Wissenschaftler.in‘. Sie haben ein Recht auf gute Arbeit in der Wissenschaft. Fordern Sie es ein.

Ich grüße Sie herzlich aus dem [schreibzentrum.berlin]

Dr. Daniela Liebscher

 

Daniela Liebscher