Woran erkenne ich, dass mein Promotionsexposé fertig ist?

Vignette des [schreibzentrum.berlin] zu Montags-#Schreibtipps rund ums wissenschaftliche Schreiben zeigt einen Doktorhut auf einem BücherstapelFrage: Ich sitze seit über einem halben Jahr an meinem Promotionsexposé. Meine Betreuung meint, ich solle mich endlich entscheiden, aber ich finde immer noch weitere Literatur und bin unsicher. Woran erkenne ich, dass mein Exposé abgabefertig ist?

Antwort: Tatsächlich braucht es ca. sechs Monate, manchmal auch mehr, um ein Promotionsprojekt sorgfältig vorzubereiten. Wenn Sie dennoch unsicher sind, können Sie folgende Aspekte überprüfen:

1. Textebene: Zielgruppe

Welchen Zweck hat Ihr Exposé? Wünscht sich Ihre Betreuung eine Grundlage, müssen Sie es beim Promotionsausschuss Ihrer Fakultät einreichen oder möchten Sie sich für ein Stipendium bewerben? Jede genannte Zielgruppe hat unterschiedliche Erwartungen. Es könnte sein, dass Ihre Betreuungsperson mit Ihrer jetzigen Exposé-Fassung tatsächlich zufrieden ist. Fakultäten und Fördereinrichtungen haben dagegen teilweise strikte formale Vorgaben. Informieren Sie sich hier sehr genau über die Erwartungen. Dann können Sie prüfen, ob Ihr Exposé vollständig ist.

2. Projektebene: Projektplanung (Arbeits- und Zeitplan)

Nach meiner Erfahrung unterschätzen Schreibende von Promotionsexposés oft die konkrete Projektplanung. Das kann sich in Gefühlen von Unsicherheit und auch Überforderung ausdrücken. Das ist normal, denn Sie müssen als Anfänger_in nun viele Entscheidungen über noch unbekannte Forschungsprozesse treffen. Konkretisierung hilft:

  • Betrachten Sie Ihre Promotion als ein zeitlich begrenztes Forschungsvorhaben. Im Exposé legen Sie dafür nun Ihr Projektmanagement in Form eines ausformulierten Arbeitsprogramms samt tabellarischem Arbeits- und Zeitplans dar. Dieser Teil sollte sogar ca. 50 % des Exposés ausmachen.
  • Befassen Sie sich mit der praktischen Umsetzung Ihres Arbeitsprogramms: Mit welchen methodischen Arbeitsschritten beginnen Sie, was kommt dann und warum? Welche Ressourcen an Zeit, Personen, Material und Geld brauchen Sie, um Ergebnisse zu erzielen? Für Projekte mit empirischen Methoden ist dieser Planungsaufwand meist umfangreicher, als wenn Sie ‚nur‘ Literatur bearbeiten.

Investieren Sie Vorbereitungszeit, um – je nach Fach und Methode – Ihr Projekt auf der praktischen Ebene startklar zu machen, z.B. durch die Vorab-Klärung von Datenzugängen, die Durchführung von Probeläufen, das Zusammenstellen eines Samples, das Einholen von Interviewzusagen usw. Sie gewinnen an Sicherheit, weil sich das Promotionsprojekt dann machbar für Sie anfühlt. Mit dieser Portion Realismus überzeugen Sie auch Dritte.

3. Gefühlsebene: Literaturauswahl statt Vollständigkeit

Neigen Sie zu Perfektionismus? Der Drang nach „Vollständigkeit von Forschungsliteratur“ dient dann als Strategie, Unsicherheiten zu kontrollieren. Im Promotionsexposé ist aber Fokussierung verlangt: Was gibt es bereits an Erkenntnissen, auf denen Sie mit Ihrem konkreten Projekt aufbauen? Und was ist das Wichtigste und Aktuellste? Sie müssen eine stets projektbezogene Auswahl treffen, Grenzen setzen und diese begründen können. Sie dürfen Techniken des selektiven Lesens nutzen, um sich zusätzlich zu entlasten.

 

Viel Erfolg wünscht Ihnen aus dem [schreibzentrum.berlin] Ihre
Dr. Daniela Liebscher

 

Hier und hier finden Sie Tipps, wie Sie Fachliteratur auswählen.

E. Liebscher