Frage: Wie gelingt es mir, während des Rohtextens, mein eigentliches Argument oder Thema nicht aus dem Blick zu verlieren?
Antwort: Gerade bei großen Schreibprojekten, wie einer Dissertation, kann es vorkommen, dass man im Schreiballtag den Fokus auf das Hauptargument verliert, das ist nichts Ungewöhnliches. Es gibt Strategien, dieser Gefahr zu begegnen.
Visualisiere deine These oder deine Fragestellung!
Zu Beginn jeden wissenschaftlichen Schreibprozesses steht eine Forschungsfrage oder eine These. Am besten ist es, wenn Sie diese visualisieren. Das heißt: Schreiben Sie diesen Satz auf und hängen Sie ihn gut sichtbar über Ihren Arbeitsplatz. Das ist Ihr Fokus, dieser führt sie durch ihr Hauptargument! Ihr Leitsatz kann auch gut in der ersten Zeile Ihres Schreibdokuments stehen. Eine detaillierte Arbeitsgliederung (die auch wieder überarbeitet werden kann) kann ebenfalls helfen, den roten Faden nicht zu verlieren. Vor allem Schreibenden, die Planende sind, kann das helfen. Im Laufe eines Schreibprozesses finden sich immer wieder Themen, die interessant sind, aber nicht unbedingt zum Hauptargument gehören. Diese Themen müssen ja nicht verschwinden, vielleicht lässt sich später einmal ein Artikel daraus machen – heben Sie diese Gedanken auf, aber an anderer Stelle als im Text.
Überprüfen Sie regelmäßig den Fokus.
Nach jedem Absatz und jeder Seite sollten Sie sich fragen, ob das Geschriebene auch wirklich zum Argument beiträgt. Dann sollten Sie mutig genug sein, Passagen, die zwar interessant sind, aber vom Kern ablenken, zu streichen. Wieder gilt: wenn Sie das „Wegwerfen“ schwierig finden, dann legen Sie ein Dokument mit aussortierten Passagen an, damit Sie später noch darauf zugreifen können. Hilfreich ist es zudem, jeden Absatz mit einem „Funktionsetikett“ oder einem Schlagwort zu versehen, dann wird auf einen Blick auch später noch klar, ob er in das Hauptargument passt. Ein Funktionsetikett vergebe ich, indem ich mir Gedanken mache, ob der Paragraph zum Beispiel eine Begriffsklärung, ein Literaturhinweis, ein Beispiel, oder ein Bezug zum theoretischen Rahmen ist. Wenn die Funktion nicht klar benennbar ist, ist er vermutlich entbehrlich.
Umwege im Schreibdenken, aber nicht immer im fertigen Text.
Oft ist es auch so, dass wir im Schreibdenken erst merken, wohin wir wollen, und welche Unterargumente das Hauptargument füttern können. Deswegen ist der erste „shitty draft“ da, um nachjustiert zu werden. Der Weg zum fertigen Text führt oft über viele Versionen oder eben auch Exkurse. Für das Schärfen der Gedanken und Argumente sind diese Zwischenschritte oft notwendig. Nur für Lesende sollten sie dann im fertigen Text (in der Regel) nicht mehr sichtbar sein.
Auch das Rohtexten und Löschen ist Übung, bleiben Sie dran!
Es grüßt herzlich aus dem [schreibzentrum.berlin]
Ihre Dr. Lena Eckert